Die Lehre des Buddha und K.E.N. (XII.)
»Eine Betrachtung zum 90. Geburtstag K. E. Neumanns« 1955
Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
8. Jahrgang 1955, Heft 11/12
Copyright © 1955 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors
Inhalt
- Karl Eugen Neumann:
Sein Leben und sein Einfluß - Die Sache seines Wirkens:
Die Lehre des Buddha - Wesen und Wert des Übersetzens
- Der Verfall der Sprache
- Übersetzung und Anmerkungen
- Bedingtheit jeder Übersetzung
- Einfluß christlicher Mystik
- Einfluß des Idealismus
- Realismus, Idealismus und Seinsverständnis
- Kanon und Kommentare
- Kritik an Neumann
- Die Form der Übersetzung
XII. Die Form der Übersetzung
Eine Würdigung Karl Eugen Neumanns wäre aber unvollkommen, ja geradezu unzureichend, wenn nicht auch und gerade der Form gedacht würde, die Neumann seiner Übertragung der Reden des Erwachten gegeben hat. Goethe sagt einmal, daß der Stoff allen vorliege, den Gehalt nur verstehe, wer ihn mehren könne, die Form aber den meisten ein Geheimnis sei.[97] Der allen vorliegende Stoff ist die vielfältige Welt mit ihrem Grundgesetz der Vergänglichkeit; Mehrung des Gehaltes bedeutet, aus dem Verstehen der Wahnerlöschung den Wahn mindern, das Wort wahr machen; die Form aber, in der die Stimme eines anderen zu uns spricht und uns zum eigenen tiefen Nachdenken bringt, ist das Geheimnis der Wirkung der Sprache.
Einer der Verehrer Neumanns, Bernhard Shaw, sagte, daß mit Karl Eugen Neumann für die deutsche Sprache nur Luther zu vergleichen sei und Thomas Mann zieht eine Parallele zur Schlegel-Tieckschen Shakespeare-Übersetzung. Neumanns Gegner geben zu, daß seine Übersetzung ästhetischen Wert habe,[98] schön, eindringlich, rhythmisch, klangvoll sei. So sagt z. B. Dr. Dahlke:[99]
Neumanns Übersetzungen sind schön. Der Beweis dafür ist die eindringliche Art und Weise, in der sie sich dem Ohr einschmiegen. Keine der anderen, bis jetzt vorhandenen Übersetzungen, weder in der deutschen, noch in der englischen Sprache sind hiermit auch nur im entferntesten zu vergleichen.
Neumann übersetzte nicht nach irgendeiner Ästhetik oder in irgendeinem Rhythmus, sondern aus der Ästhetik und aus dem Rhythmus schlechthin, d. h. aus dem Anblick derjenigen Bewegung der Sprache, die unmittelbar auf Geist, Herz und Gemüt wirkt und eine Einsicht dort derart sprachlich verankert, daß sie immer wieder mit diesen Worten mahnt und ruft, vom Schlechten abhält und zum Guten hinzieht: „Kein Ding lohnt der Mühe; Vom Lieben kommt Leiden; Wirket Schauung, auf daß ihr nicht lässig werdet; Unermüdlich sollt ihr da kämpfen; Vergänglich ist ja, was erscheint: Nur Werden zum Gewesensein.”
Im Vorwort zum ersten Band der Mittleren Sammlung heißt es:[100]
Wenn ein Wesen moralisch und geistig die höchste Höhe erreicht, dann wird ihm auch sprachlich alles zu Rhythmus und Melodie; aus der inneren Reinheit und der tiefen Harmonie, die im Heiligen waltet, entsteht wie von selbst das Kunstwerk seiner Rede…. Es ist ein Irrtum, zu vermeinen, man könne, was ein Großer gesprochen habe, auch mit anders gesetzten Worten unbeeinträchtigt wiederholen…. Daß die Buddhaworte in der Verdeutschung Karl Eugen Neumanns dieses zauberhaft Belebende, Beschwichtigende, Stärkende und Beruhigende unvermindert behalten haben, hierin liegt das Wunder seiner Übertragung, die aus verborgenen, fast geheimnisvollen Quellen fließend, noch weit über alles Sprachkunstwerk hinausgeht.
Die Lehre ist ja keine trockene Begriffssache, die jeder Indologe „verdeutschen” könnte, sondern ein Pfeil, der sich in das Denken der Hörer einbohrt — gestern wie heute und sie nicht mehr losläßt, bis sie das höchste Ziel verwirklicht und errungen haben. Um die gewaltige Leistung der Durstüberwindung vollziehen zu können, bedarf es schon eines gewaltigen Eindrucks. Und wer sich einen Sinn für das Streben nach Edlerem und Befreiung bewahrt hat, der wird bei Neumann sofort spüren, daß hier ein Kopf am Werke war, der die unvergleichliche Leistung vollbracht hat, die Lehre soweit zu verdeutschen, daß ihr Ziel einleuchtet. Ein Schwung ohnegleichen spricht aus Neumanns Worten und Versen, die wahrhaft dazu angetan sind „edle Söhne gänzlich fort vom Hause in die Hauslosigkeit zu locken”. Unrhythmische Worte sind machtlos, sie bringen den Hörer nicht zum Aufhorchen und Mitschwingen. Wenn man die Form eines Gedankens mit einem Wagen und seinen Sinn mit dessen Fracht vergleicht, dann ist der sprachliche Rhythmus die Wagenschmiere. Quietscht der Wagen, dann schreckt man von der Fracht zurück. — Es ist bei Neumann gerade umgekehrt als bei manchen anderen Übersetzern: Bei diesen sind die Begriffe (scheinbar) allgemeinverständlich, aber die Form oft wenig einladend; bei Neumann dagegen sind die Begriffe oft anstößig, die Form aber glatt und leicht eingehend.
Neumann konnte eine kongeniale Übersetzung liefern, weil er „die höchst seltene und vollkommenste Vereinigung von scharfsinnigem Gelehrten, gläubig und verstehend Ergriffenen und schöpfergewaltigen Künstler in einer Person war.”[101]
Um nur ein einziges Beispiel aus den Prosa-Texten anzuführen, nehme man Neumanns Übersetzung der ersten Schauung:
Gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, weilt er in sinnend gedenkender ruhegeborgener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung.
Diese Übersetzung ist der Sache kongenial, denn sie beschwichtigt, begütigt, sie stellt die Stille eines weit von all unserer Unruhe und Unrast entfernten Geisteszustandes dar, zu dem das nur scheinbar im Pāli nicht genannte Wort von der Weihe hinleitet. — Nun nehme man dagegen vier andere Übersetzungen:
Er weilt, fern von Lüsten, fern von unguten Dingen, im Besitz der ersten Sinnung, mit ihren Eindrücken, mit ihren Erwägungen, der Einsamkeit-geborenen, der freudvollbeglückenden. (Dahlke)
Er tritt abgesondert von den sinnlichen Gelüsten, abgesondert vom Bösen, in die erste Versenkung ein, die mit Gedanken und Erwägungen verbunden ist, durch Absonderung erzeugt, die Freude und Lustgefühl ist und verharrt darin. (Geiger)
Indem er sich losmacht von den Sinnengenüssen und allem Üblen, erreicht er die mit energischem Denken und Erwägen verbundene glück- und freudereiche Stufe der Versenkung, die durch Loslösung gewonnen wird und hält sie. (Franke)
Er weilt, weit ab von Begierden, fern von Bösem, im Besitze der reflektierenden und ruminierenden, in der Einsamkeit geborenen heiter-glücksäligen ersten Transzendental-Meditation.
Der Unterschied sticht in die Augen. Es ist der Unterschied zwischen äußerlich-handwerklicher Übersetzung und innerlich erfahrender Übersetzung. Das eine war Kunst, das andere ist Wissenschaft. Jenes sprach von der Sache, dieses von ihrem Namen. Aber: so holprig auch alle diese Übersetzungen sind, die letzte ist noch nicht die Schlechteste. Sie stammt ebenfalls von Neumann — aus der Zeit seiner ersten Versuche als 27jähriger.
Was aber soll man erst über Neumanns Verse im Vergleich zu anderen sagen? Treffend nennt Dr. Schmidt[102] sprachliche Schönheit, Klangfülle und poetischen Schwung als Kennzeichen der Sprache des Buddha, meint aber, dies lasse sich in der Übersetzung schlechterdings nicht wiedergeben. Neumann jedoch ist es gelungen, Schönheit, Fülle und Schwung der Pāli-Verse im Deutschen weitgehend wiederzugebären — weil er sich streng an die Form hielt. Neumann sagt selber:[103]
Wer eine wirkliche Übersetzung geben will, muß eben auch das Versmaß streng beibehalten, darf sich nicht sogenannte Freiheiten erlauben.
Zu diesem Versmaß gehören unabdingbar:
- Das Metrum muß gewahrt werden. Es ist meist der sog. „Sloka” aus zwei Zeilen mit je zweimal acht Silben. Das ergibt einen Vierzeiler mit je acht Silben. Diese Form ist deshalb so beruhigend, weil sie den Atem derart reguliert, daß auf jede Zeile eine Ein- und Ausatmung fällt, die wiederum in acht Silben auf acht Herzschläge bezogen werden kann. Das sachgerechte Lesen der Pāli-Verse ist so selber schon eine Atemübung und Körper- und Geistesberuhigung. Darin liegt der tiefe Sinn der Versform.
- Der Reim muß gewahrt werden. Das Pāli kennt kaum einen Endreim, sondern bedient sich des Stabreims (Alliterationen und Assonanzen), der das beruhigende Gleichmaß des Metrums unterstützt, während der Schwung des Endreims von der Monotonie ablenkt und zu stark das Interesse für den Sprachklang weckt. Der Reim des Pāli dagegen ist ein in sich ausgewogenes inneres Gefüge, das Ruhe und Schwung so harmonisch aufeinander bezieht, wie es nur möglich ist.
Neumann hat beide Weisen eingehalten. Daher kommt die besondere Wirkung. Und darum gilt besonders für die Verse, was sein Herausgeber sagt:[104]
Kein Lob ist zu hoch für ihn, kein Dankgefühl zu groß ihm gegenüber, der auf magische Weise, möchte man sagen, die Rede des Buddho in unserer Sprache wieder-erstehn hat lassen.
Die Pāli-Verse ungereimt in Prosa wiederzugeben (Seidenstücker, Geiger) oder einen Endreim (Franke, Schmidt, Much) bzw. ein anderes Metrum (Weber) zu wählen oder unter Außerachtlassung metrischer Strenge zu übersetzen (Dahlke, Oldenberg), damit erzeugt man nicht die Wirkung der Pāli-Verse. Man hat Neumann vorgeworfen, daß seine Satzstellung oft gekünstelt sei, daß seine Verse oft schwer zu verstehen seien, daß er sich nur locker an den Inhalt der Pāli-Worte gehalten habe, u. a. m. Dazu ist zu sagen, daß jede Übersetzung von Versen Nachdichtung ist, die den Sinn des Vorgegebenen freier verwaltet als eine Prosaübersetzung, wenngleich auch hier sicher manches an Neumann zu kritisieren und zu verbessern wäre. Die Pāli-Verse setzen ein Verständnis der Lehre bereits voraus: aus ihnen selber ist die Lehre nicht zu lernen. Sie dienen der Befestigung und Komprimierung, weshalb z. B. in Pāli-Versen, metri-causa, manches anders gesagt ist als in Prosa. Daher ist, vom Sinn der Lehre her, auch in der deutschen Wiedergabe hie und da, metri-causa, manches anders zu formulieren und mehr im übertragenen als im direkten Sinn wiederzugeben. Der Rhythmus der deutschen Sprache erfordert bei einer Einkleidung in das Acht-Silben-Maß dann manchmal eine andere Satzstellung als die gewohnte Reihenfolge Subjekt-Prädikat-Objekt.
Einige wenige Beispiele, die sich auf den Dhammapadam beschränken, mögen die Verschiedenartigkeit der Übersetzungsweisen erläutern:
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Vers 211:
Darum schafft nimmer Liebes euch! Verlust von Liebem, ach, ist schlimm. Banden gibt es für solche nicht, für die nichts lieb, nichts unlieb ist. (Dahlke) |
Daher schließ’ dich an Liebes nicht, Geliebtes lassen ist so schlimm! Kein Daseinsband verstricket den, dem nichts mehr lieb noch unlieb ist. (Neumann) |
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Vers 277:
Wenn alles, was man Dasein nennt, als flüchtig weise wer erkennt, so wird des Leidens satt sein Sinn, sein Weg führt dann zur Reinheit hin. (Franke) |
„Das ganze Sein fließt immerfort” — wer dies mit weisem Sinne sieht, wird bald des Leidenslebens satt: Das ist der Weg zur Läuterung. (Neumann) |
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Vers 27:
Gebt also nicht der Lässigkeit euch hin, der Neigung zu sinnlicher Lust und zu Genuß: Der Unermüdliche, der geistige Versenkung übt, erlangt das allerhöchste Glück. (Geiger) |
Ergebt euch nicht dem leichten Sinn, o folget nicht der Liebeslust! Der ernst in sich gekehrte Mönch ist höchstem Heile sälig nah. (Neumann) |
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Vers 60:
Lang währt die Nacht dem Wachen, Lang der Weg dem Wandermüden. Lange wandert durch die Welten, wem Erkenntnis nicht beschieden. (Much) |
Lang ist die Nacht dem Wachenden, Lang ist der Weg dem müden Leib, Lang ist der unverständigen Wahrheitverkenner Wandelsein. (Neumann) |
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Vers 103:
Mag bezwingen ein Held siegreich tausend mal tausend Feind’ im Kampf: Wer seinem eignen Ich obsiegt, ist aller Sieger herrlichster. (Oldenberg) |
Nicht wer zehnhunderttausend Mann am Schlachtfeld überwältigt hat: Wer einzig nur sich selbst besiegt, der, wahrlich, ist der stärkste Held. (Neumann) |
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Vers 130:
Da alle Schläge scheun und sind des Lebens froh, verkürz ihr Leben nicht! Bedenk’: Auch dir geht’s so. (Schmidt) |
Ein jedes Wesen scheuet Qual, und jedem ist sein Leben lieb: Erkenn dich selbst in jedem Sein und quäle nicht und töte nicht. (Neumann) |
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Vers 1:
Aus der Gesinnung sprießt das Sein, (Schröder) |
Vom Herzen gehn die Dinge aus, (Neumann) |
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Vers 42:
Was auch ein Feind seinem Feinde, (Seidenstücker) |
Was Feind dem Feinde tuen kann, (Neumann) |
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Vers 76:
Wen man sieht als gleichsam Schätze verkündend, als Mängel erschau’nd, als tadelnd, lehrend, einsichtig — (Weber) |
Als Schatzverkünder gelte dir (Neumann) |
Quellen-Nachweis
Von den Werken Neumanns ist stets die 2. Auflage bei Piper zitiert, soweit dort eine solche erschienen ist.
MS (Mittlere Sammlung / Majjhima-Nikāya) LS (Längere Sammlung / Dīgha-Nikāya) Sn (Sutta-nipāto) Dhp (Dhammapadam) LMN (Lieder der Mönche und Nonnen / Therāgāthā & Therīgāthā). Ferner: AN (Anguttara-Nikāya) SN (Samyutta-Nikāya) VM (Visuddhi-magga) NBZ (Neu-Buddhistische Zeitschrift)
97) Zit. im Vorwort zu Sn, S. XIII
98) Dahlke: Der Buddhismus, Leipzig 1926, S. 249
99) NBZ Winter 1919/20, S. 232. Ferner Ausführungen in Brockensammlung 1926, S. 58—60; dazu Hecker, Einsicht 1951, S. 118—121 „Dahlke und Neumann als Übersetzer”
100) Vorwort zu MS I, S. X ff
101) Insel-Bücherei Nr. 310, S. 6
102) Pali, Buddhas Sprache, Konstanz 1951, S. 7
103) Dhp., S. 109
104) Vorwort zu LS III, S. X










