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Friday, August 14. 2009

Die Lehre des Buddha und K.E.N. (VIII.)

»Eine Betrachtung zum 90. Geburtstag K. E. Neumanns« 1955

 

Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
8. Jahrgang 1955, Heft 11/12
Copyright © 1955 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors

Die Lehre des Buddha und K. E. Neumann

Inhalt

  1. Karl Eugen Neumann:
    Sein Leben und sein Einfluß
  2. Die Sache seines Wirkens:
    Die Lehre des Buddha
  3. Wesen und Wert des Übersetzens
  4. Der Verfall der Sprache
  5. Übersetzung und Anmerkungen
  6. Bedingtheit jeder Übersetzung
  7. Einfluß christlicher Mystik
  8. Einfluß des Idealismus
  9. Realismus, Idealismus und Seinsverständnis
  10. Kanon und Kommentare
  11. Kritik an Neumann
  12. Die Form der Übersetzung
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VIII. Einfluß des Idealismus

Ebenso wie Neumann durch die Benutzung der Mystik auch nicht einen Deut von den „vier heiligen Wahrheiten” abgewichen ist, so ist er auch durch die Herkunft vom transzendentalen Idealismus nicht unsachlich geworden. Wie viele gebildete Abendländer ist Neumann über die Begegnung mit Kant und Schopenhauer an die Lehre herangeführt worden. Aber er ist nicht bei diesem Ausgangspunkt stehen geblieben und hat die Lehre nicht von dort her einseitig interpretiert. Souverän hat er das Wahre und Tiefe der Philosophen wahr und tief und das Beschränkte und Unklare beschränkt und unklar genannt. Er nennt z. B. Schopenhauer einer­seits den herrlichsten Philosophen aller Zeiten,[20] kritisiert aber andererseits scharf an ihm, daß er das entscheidende Lebensproblem der Willenswendung nicht gelöst und beim bloß alltäglich prüfenden „velle non discitur” stehengeblieben sei.[21]

Während Neumann in seiner „Buddhistischen Anthologie” noch manche Begriffe der europäischen Metaphysik verwandte, ging er später meist eigene Wege.

Ein Überbleibsel aus der Anfangszeit ist etwa der von Kant entlehnte Aus­druck „intelligible Dinge” für vedaniyā dhammā,[22] sowie auch der ebenfalls von Kant her gedachte Begriff „Unterscheidung” für das schlechthin unübersetzbare Wort sankhāra.[23] Ferner trifft es zu, daß er gelegentlich in seiner sinndeutenden Übersetzung über das Ziel hinausgeschossen ist und bereits im Wort der Übersetzung einen richtigen, aber erst durch einige Zwischengedanken zu er­arbeitenden Schluß anklingen läßt. Das sei an zwei Beispielen erläutert:

  1. So übersetzt er z. B. die Erfahrung des Heiligen „nâparam itthataya” stets mit „nicht mehr ist diese Welt”. Die wörtliche Übersetzung lautet: Nichts (na) darüber hinaus (aparam) über das Hier-sein (ittha-ta = Diesheit). Das Wort itthata wird in den Texten im Sinne von „Welt” gebraucht, d. h. als sichtbares Da-sein.[24] Dieses bloße Da-sein ist aber auch beim Heiligen gerade noch vorhanden; die fünf Khandhā sind noch da, aber es ist in zwiefacher Hinsicht nichts darüber hinaus (non plus ultra) vorhanden, nämlich einmal kein Un-wissen, keine Ich-annahme hinsichtlich der Fünfheit, kein Durst und kein Anhangen (und der Durst wird in den Texten gerade als „Zweiter”, als „Begleiter”, bezeichnet[25]) sowie zum anderen keine Wiedergeburt und keine weitere Welt mehr. Aus der der hier zitierten Erfahrung vorangehenden Einsicht „Versiegt ist die Geburt” läßt sich nun schließen, daß hier die erste Weise des Darüberhinaus gemeint ist, da die zweite nur Wiederholung wäre. Der Sinn ist also: „Es ist nichts mehr (weiteres) da als die Welt (das bloße Da-sein)” d. h. die Welt ist nicht mehr, als sie scheint. Der Ton in Neumanns Übersetzung liegt auf „mehr”, nicht auf „nicht”.
  2. Oft angegriffen worden ist Neumanns Übersetzung von Vers 1114 des Sutta-nipāto.[26] Der Jünger Posālo fragt dort den Erhabenen, ob derjenige, der alle Form-Wahrnehmung vernichtet, alle Körperlichkeit überwunden habe und nach innen wie nach außen „Nichts ist da” merke, noch zu greifen sei, d. h. ob er die ewige Stätte erreicht habe oder noch nicht. Und der Buddha antwortet ihm:
Viññāna-tthitiyo sabbā, Posālā ti Bhagavo
abhijānam Tathāgato
titthantam enam jānāti
vimuttam tapparāyanam.

Neumann übersetzt wie folgt:

Hier im Bewußtsein steht das All:
wer das vollkommen hat erkannt,
er kennt ihn wohl, wie er dort steht,
enthaftet, also hingelangt.

Eine wörtliche Übersetzung würde ergeben:

Bewußtseinsstätten alles„, erwiderte der Erhabene dem Posālo: ”Völlig erkennend (dies), kennt der Vollendete (auch) den (dort) Stehenden, den (insoweit) Befreiten, den dorthin Gelangten.

Es handelt sich bei der ersten Zeile nicht um Akkusative, sondern um Nominative. Da beide Fälle im Pāli gleich lauten, kann die Entscheidung einzig durch den Sinn der Stelle getroffen werden. Ebenso kann man die zweite Zeile zwar formell, aber nicht der Sache nach mit den Worten übersetzen „Wer das erkennt, ist ein Vollendeter”.[27] Ein Vollendeter erkennt das zwar, aber nicht nur er allein. Wer aus dem Wissen um das Dasein jenen Zusammenhang kennt, ist noch lange kein Vollendeter (Tathāgata = Buddha). Der Sinn ist: „Bewußtseinsstätten (sind) alle (Stätten)”, oder noch exakter, da thiti eigentlich Zu-stand heißt: „Alles Sein ist Bewußtseinszustand”. Und da auch die Nicht-daseinssphäre noch ein Bewußtsein des „Nichts ist da” beinhaltet, so ist dort noch Sein, d. h. Entstehen und Vergehen, nicht die Freiheit.

Das Bewußtsein gedeiht, mit den vier anderen Khandhā, dort Genüge suchend auf, faßt dort Fuß, läßt sich dort nieder[28] und kommt in siebenfacher Zu-ständlichkeit dort zu Stande.[29] Da aber die „Stätten” des Bewußtseins nichts anderes sind als die seinem Erscheinen immanenten Strukturformen aller nur denkbaren Möglichkeiten, so kann man interpretierend auch sagen, daß im Bewußtsein das All stehe. Allerdings ist Neumanns Übersetzung der 1. Zeile etwas kraß formuliert und daher leicht mißverständlich im solipsistischen Sinn.

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Quellen-Nachweis

Von den Werken Neumanns ist stets die 2. Auflage bei Piper zitiert, soweit dort eine solche erschienen ist.

MS (Mittlere Sammlung / Majjhima-Nikāya) LS (Längere Sammlung / Dīgha-Nikāya) Sn (Sutta-nipāto) Dhp (Dhammapadam) LMN (Lieder der Mönche und Nonnen / Therāgāthā & Therīgāthā). Ferner: AN (Anguttara-Nikāya) SN (Samyutta-Nikāya) VM (Visuddhi-magga) NBZ (Neu-Buddhistische Zeitschrift)

 20) In einem Brief an Dr. Grimm: Yāna 1955, S. 189 zurück

 21) Yāna, a.a.O. sowie LS II, S. 604 zurück

 22) MS 43 zurück

 23) Seine Begründung geht davon aus, daß sankhāra in den fünf Khandhā zwischen saññā und viññāna steht; daher entsprächen sie Kants „Synthesis der Apperzeption”: Buddhistische Anthologie, Vorrede S. XXIII, ferner LS II, S. 638 und insbes. LS IV, S. 486—494 zurück

 24) MS 90, S. 519 („diese Welt”) zurück

 25) z. B. SN 35, 63 und 150 zurück

 26) z. B. Nyānaponika in der „Einsicht” 1954, S. 90 zurück

 27) So Dr. Schmidt, Sprüche und Lieder, Konstanz 1954, S. 133 zurück

 28) LS 33, S. 309 (= SN 22, 53) als Stätte (thitiyo) und SN 22, 3 als Heim (oka) zurück

 29) LS 15 (= AN VII, 41): 7 Bewußtseinstätten; diese sind zu durchschauen zurück

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