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Friday, August 14. 2009

Die Lehre des Buddha und K.E.N. (VII.)

»Eine Betrachtung zum 90. Geburtstag K. E. Neumanns« 1955

 

Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
8. Jahrgang 1955, Heft 11/12
Copyright © 1955 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors

Die Lehre des Buddha und K. E. Neumann

Inhalt

  1. Karl Eugen Neumann:
    Sein Leben und sein Einfluß
  2. Die Sache seines Wirkens:
    Die Lehre des Buddha
  3. Wesen und Wert des Übersetzens
  4. Der Verfall der Sprache
  5. Übersetzung und Anmerkungen
  6. Bedingtheit jeder Übersetzung
  7. Einfluß christlicher Mystik
  8. Einfluß des Idealismus
  9. Realismus, Idealismus und Seinsverständnis
  10. Kanon und Kommentare
  11. Kritik an Neumann
  12. Die Form der Übersetzung
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VII. Einfluß christlicher Mystik

Wie kaum ein anderer wußte Neumann das beste geistige Erbe des christlichen Abendlandes zu nutzen und immer wieder kann er nachweisen, wie der Erwachte klar jene Stufen der inneren geistigen Ablösung genannt hat, die auch die christ­lichen Mystiker weitgehend durchschritten. Neumanns Anmerkungen, besonders jene zum 3. Band der Längeren Sammlung, sind eine noch unausge-schöpfte Fundgrube der tiefen Einsichten der edelsten Köpfe und Herzen des Abendlandes (Ekkehard, Seuse, Angelus Silesius, Franz v. Assisi, Bernhard v. Clairvaux und vieler anderer) und es ist bedauerlich, daß er seinen Gedanken, diese Aussprüche unter dem Titel „Arische Denkerfahrten” herauszugebe,[14] nicht ausgeführt hat. Neumann tat hier nichts anderes als der Buddha, der auch alles vedische Gedankengut seiner Zeit dem Ziel der Leidensüberwindung unterordnete. „Wovon andere Weise sagen, ‘Das ist’, davon sage auch ich, ‘Das ist’; wovon andere Weise sagen, ‘Das ist nicht’, davon sage auch ich, ‘Das ist nicht’”, sprach der Erwachte.[15] Für Neumann war die Lehre die „Elefantenspur”, in der alle anderen Spuren, d. h. alle Teilwahrheiten, Platz finden. Ob ein Meister Ekkehard das „non sum” oder die völlige Armut darstellte, ob ein Yogi sein Gemüt bis zur Erfahrnis der Nicht­daseinssphäre läuterte oder ob ein Erwachter von beidem sprach — die Sache ist überall die gleiche und auch der Läuterungsweg dahin ist überall der gleiche; der Unterschied liegt nur darin, daß der Yogi und der Mystiker jene Stätte für die ewig sichere Leidensüberwindung halten und sich nicht weiter bemühen, während der Buddhist auch diese als zusammengesetzt, zusammengesonnen, vergänglich erkennt und darüber hinaus strebt. Der Buddha nutzte für seine Darlegungen die geistigen Erfahrungen der von ihm vorgefundenen vedischen Religion, zeigte aber den Weg zu Ende: „Es ist in der Regel jedes Wort, jeder Ausdruck so gewählt, daß die versöhnende Verbindung mit der Vorzeit und ihren Altmeistern dem Hörer alsbald offenbar werden kann.”[16] Vieles in den Lehrreden konnte Neumann nur deshalb so gut verstehen, weil er die Upanishaden genau kannte. Daher entspricht Karl Eugen Neumann der Darlegungsweise des Erwachten, indem er im christlichen Abendland die christlichen Erfahrungen heranzieht, soweit sie das Verständnis der Lehre des Erwachten erleichtern können. Je mehr jemand sieht, daß das, was er bisher für richtig hielt, nicht grundsätzlich falsch, sondern nur unvollständig war, desto mehr wird er bereit sein, das Weiterführende aufzu­nehmen. Wer vom Buddhismus sagt: „Dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes”, handelt nicht nur im Widerspruch zur Weisung des Erwachten, sondern auch psychologisch unklug, denn mit der Devise: „Alles andere ist falsch”, sind gerade die besten Köpfe, die sich schon ernsthaft um die Wahrheit bemüht haben, nicht zu gewinnen. Es ist daher ausgesprochen glücklich, daß Neumann so viele Bezie­hungen zu den europäischen Großen herstellte und besonders den fast ver­gessenen und heute so flach verstandenen Ekkehard in seiner Tiefe aufzeigte.

Von dorther fand er jene innigen und trefflichen Ausdrücke, die unmittelbar zum Herzen gehen und die Sache, um die es geht, zum Klingen bringen. Suññatā heißt auch „Leere” — Neumann übersetzte es abendländisch mit „Armut” und knüpfte damit an das Wort von Christus („Selig sind, die da geistig arm sind”), an den „Poverello” Franziskus und an Ekkehards Predigten an, wobei er sehr schön auf einen Vers Michelangelos hinweist.[17]

Heitere Armut schenkt durch Entsagen
Reichtum in Fülle, ohne zu fragen;
sicher im Walde, fahlkuttig weilend
lasse das Weh, Sorge enteilend.

Auch die Übersetzung von jhāna mit „Schauung” vereinigt den tiefen Sinn (das griechische Wort theoria — Anblick stammt daher) mit dem von Ekkehard und Ruysbroeck geprägten Ausdruck jener geistigen Erleuchtung, die nicht intellektuell etwas erkennt, sondern erlebnismäßig eine andere Wahrnehmung (sukhuma sacca-sañña) erschaut. Ganz besonders weist Neumanns Terminologie auf die glückhafte und erleichternde Weise des Vorgehens hin, ohne die man schwerlich ans Ziel kommt. Hier ist symptomisch wie die trockene Scholastik das Wort sallekha fälschlich von likh ableitete und als „harte Buße” verstand, während Neumann nachwies, daß es von der Wurzel lagh stammt und „Erleichterung, Ledigung” bedeutet.[18] Und bei allem wußte er doch genau: „Ein anderes ist allerdings brahmanische und christliche Askese, und ein anderes buddhistische Askese, nicht dem Wesen nach, sondern sofern es sich darum handelt, die wahre Motivation zu verstehen. Dort mythologische Verschwommenheit, hier wolkenlose Klarheit.”[19]

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Quellen-Nachweis

Von den Werken Neumanns ist stets die 2. Auflage bei Piper zitiert, soweit dort eine solche erschienen ist.

MS (Mittlere Sammlung / Majjhima-Nikāya) LS (Längere Sammlung / Dīgha-Nikāya) Sn (Sutta-nipāto) Dhp (Dhammapadam) LMN (Lieder der Mönche und Nonnen / Therāgāthā & Therīgāthā). Ferner: AN (Anguttara-Nikāya) SN (Samyutta-Nikāya) VM (Visuddhi-magga) NBZ (Neu-Buddhistische Zeitschrift)

 14) Piper, a.a.O. S. 385 zurück

 15) SN 22, 94 zurück

 16) LS II, S. 702 zurück

 17) MS III, S 555; H. Hecker zurück

 18) MS I, S. 620 zurück

 19) Vorrede LMN, S. XXVI zurück

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