Die Lehre des Buddha und K.E.N. (VI.)
»Eine Betrachtung zum 90. Geburtstag K. E. Neumanns« 1955
Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
8. Jahrgang 1955, Heft 11/12
Copyright © 1955 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors
Inhalt
- Karl Eugen Neumann:
Sein Leben und sein Einfluß - Die Sache seines Wirkens:
Die Lehre des Buddha - Wesen und Wert des Übersetzens
- Der Verfall der Sprache
- Übersetzung und Anmerkungen
- Bedingtheit jeder Übersetzung
- Einfluß christlicher Mystik
- Einfluß des Idealismus
- Realismus, Idealismus und Seinsverständnis
- Kanon und Kommentare
- Kritik an Neumann
- Die Form der Übersetzung
VI. Bedingtheit jeder Übersetzung
Der inhaltliche Kern des Übersetzungswerkes aber, die Begrifflichkeit des Übersetzers, seine Terminologie, hängt von seinem geistigen Standort, von seinem weltanschaulichen Hintergrund und von seiner Auffassung über die Wirklichkeit ab. Dies alles aber ist das Ergebnis innerer und äußerer Einflüsse.
Daß ein Arzt, der aus naturwissenschaftlichen Gedankengängen herkommt (z.B. Dr. Dahlke), ganz andere Begriffe wählt als der Philosoph Neumann, liegt auf der Hand. Auch daß ein Jurist (z. B. Dr. Grimm) mehr Bedenken hat, eine freiere Übersetzung zu wählen als ein Künstler, ist selbstverständlich. Ferner unterliegt es keinem Zweifel, daß das von Wagner beeinflußte Elternhaus Neumanns einen anderen Einfluß auf den Sprachklang ausübt als etwa ein nüchternes preußisches Beamtenhaus. Und daß jemand, der aus der schmerzhaften Loslösung von seinem früheren christlichen Glauben zur Lehre kam, der religiösen Terminologie anders gegenübersteht als jemand, der von den höchsten Gipfeln der christlichen Mystik nur einen Schritt zur Lehre des Erwachten zurückzulegen brauchte, ist ebenfalls einleuchtend. Schließlich wird sich ein Denker von großer geistiger Vitalität weniger an die exegetische Überlieferung halten als andere Menschen. All dieses, Beruf, Milieu, Lebensweg und Temperament drückt der Übersetzung den persönlichen Stempel auf.
Von noch entscheidenderer Bedeutung aber ist es, den geistigen Nährboden des Übersetzers zu kennen. Jeder Übersetzer bringt seine Vergangenheit mit, ob er sich dessen bewußt ist oder nicht. Das Optimum ist es nun, wenn diese Beeinflussung von den höchsten Spitzen der Geschichte seines Kulturraumes erfolgt anstatt — wie es meist der Fall ist — von dem jeweiligen Weltbild der väterlichen Generation. Letzteres bedeutet im Abendland eine Färbung durch den Materialismus des 19. Jahrhunderts, ersteres hingegen würde ein Anknüpfen an die christliche Mystik des Mittelalters sowie an die großen Philosophen aus der Epoche des Idealismus bedeuten. Das sind die Spitzen des Abendlandes. Sie ergänzen sich gegenseitig: Mystik für sich allein kann Schwärmerei, Überschwang und begriffliche Unschärfe mit sich bringen und Philosophie für sich allein ist stets in Gefahr, in Scholastik zu versinken. Beide Seiten zusammen aber bringen die zwei Pole des Menschen miteinander in Einklang, nämlich durch die Mystik das Streben nach überweltlichem Wohl und durch die Philosophie das Streben nach Klarheit. Der Buddha hatte in wunderbarer Weise diese beiden Seiten in sich und in der Lehre vereinigt.
Neumanns geistiger Entwicklungsweg ist von der christlichen Mystik und Asketik einerseits (er war katholisch geboren) und von Kant und Schopenhauer andererseits maßgeblich beeinflußt. Das zeigt schon die Tatsache, daß er sein erstes Buch über die „Innere Verwandtschaft buddhistischer und christlicher Lehren” schrieb und daß er einmal sagte: „Die Reden stammen zwar aus dem 6. Jahrhundert vor Christus: aber sie machen zuweilen den Eindruck, als gehörten sie ins 6. Jahrhundert nach Schopenhauer.”[13] Diese beiden Haupteinflüsse bedürfen daher einer gründlichen Betrachtung dahingehend, ob Neumann durch sie von der Lehre abgewichen ist.
Quellen-Nachweis
Von den Werken Neumanns ist stets die 2. Auflage bei Piper zitiert, soweit dort eine solche erschienen ist.
MS (Mittlere Sammlung / Majjhima-Nikāya) LS (Längere Sammlung / Dīgha-Nikāya) Sn (Sutta-nipāto) Dhp (Dhammapadam) LMN (Lieder der Mönche und Nonnen / Therāgāthā & Therīgāthā). Ferner: AN (Anguttara-Nikāya) SN (Samyutta-Nikāya) VM (Visuddhi-magga) NBZ (Neu-Buddhistische Zeitschrift)
13) Vorrede zu MS I, S. XXXIII 










