Die Lehre des Buddha und K.E.N. (V.)
»Eine Betrachtung zum 90. Geburtstag K. E. Neumanns« 1955
Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
8. Jahrgang 1955, Heft 11/12
Copyright © 1955 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors
Inhalt
- Karl Eugen Neumann:
Sein Leben und sein Einfluß - Die Sache seines Wirkens:
Die Lehre des Buddha - Wesen und Wert des Übersetzens
- Der Verfall der Sprache
- Übersetzung und Anmerkungen
- Bedingtheit jeder Übersetzung
- Einfluß christlicher Mystik
- Einfluß des Idealismus
- Realismus, Idealismus und Seinsverständnis
- Kanon und Kommentare
- Kritik an Neumann
- Die Form der Übersetzung
V. Übersetzung und Anmerkungen
Rein technisch bieten sich für eine Übersetzung der Lehrreden verschiedene Möglichkeiten:
- Man kann die entscheidenden Kernbegriffe der Lehre (z. B. Sankhāra, Khandha, Viññāna, Vedanā, Saññā, Rūpa) unübersetzt lassen und anderswo (in einer Einleitung oder in Anmerkungen am Schluß) ausführlich erläutern.
- Man kann die Kernbegriffe verdeutschen, aber das Pāli-Wort zur Kontrolle in Klammern oder in einer Fußnote wiedergeben.
- Man kann die schwierigen Pāliworte durch einen Satz oder durch Appositionen kommentierend übersetzen.
Alle drei Möglichkeiten haben Mängel, denn sie zerstören den einheitlichen Fluß des Textes. Die meisten Menschen werden zudem verwirrt und abgelenkt, wenn sie in zwei Sprachen philosophisch denken sollen. Daher sind die ersten beiden Weisen unzweckmäßig. Jede kommentierende Übersetzung aber bietet die Gefahr, mehr und anderes in den Text hineinzulegen, als darin steht. So bleibt nur die Möglichkeit, für einen prägnanten Pāli-Ausdruck das bestmögliche deutsche Wort zu finden oder neu zu schaffen. Beides hat Neumann getan.
Das bestmögliche Wort und ein neubelebtes altes oder ein neugebildetes Wort aber ist — angesichts des Sprachverfalls — nie das verständlichste Wort. Da die Sache, die der Erwachte dargelegt hat, nun einmal nicht dem allgemeinen Meinen und Vermeinen entspricht, muß eine Übersetzung aufrütteln und sich den gewohnten Denkwegen in den Weg stellen, d. h. sie muß eher unbequem und fragwürdig als zu bequem sein. Nach und nach, im Maße des eigenen Verwirklichens der Lehre, versteht man dann die Übersetzung immer besser, weil man die Sache besser versteht.
Jedoch erfordert ein solcher Weg, daß der Übersetzer seine Wortwahl irgendwo begründet, damit der Leser (besonders auch der Fachmann) die Gedanken des Übersetzers nachvollziehen kann. Gerade bei einer so einfühlenden und umschmelzenden Übersetzung wie der von Neumann ist dies nötig. Nun hat Neumann in der Einleitung zu seiner „Buddhistischen Anthologie” einige Worte (insbesondere Sankhāra und Viññāna) begründet und in seinen Anmerkungen später ebenfalls viele Hinweise gegeben, jedoch längst nicht ausreichend. Seine Anmerkungen, die neben vielen Nützlichen — wie er selber sagt[11] — auch allerlei Sekundäres und Ablenkendes enthalten, sind beim 1. Band der Mittleren Sammlung ganz sporadisch, haben sich aber beim 3. Band der Längeren Sammlung bereits zu einem eigenen Band ausgewachsen. Diese Entwicklung zeigt deutlich an, wie sich die Notwendigkeit der Anmerkungen einfach aufgedrängt hat, um das Werk des Übersetzers zu fundieren. Es sind ab und an Text-Varianten zu erwähnen; es ist hilfreich, auf Erläuterungen an anderen Stellen des Kanons zu verweisen; es ist notwendig, bei Passagen, die einen zeitgeschichtlichen Hintergrund haben, die indische Hülle zu durchleuchten; es ist zweckmäßig, auf wesentliche Irrtümer und Entstellungen bei anderen Übersetzern und bei den Kommentatoren hinzuweisen und die Sache zu klären; es ist nützlich, schwierige und dunkle Textstellen soweit aufzuhellen, wie man es vermag, oder das eigene Nichtverstehen zu vermerken. Dies alles aber muß vom Text unabhängig sein. Der Text muß aus einem Guß sein, so wie es die Reden des Erwachten eben auch waren. Dazu gehört, Wiederholungen nicht durch ein „usw.” oder ein „siehe oben” zu ersetzen, sondern für erforderlich gehaltene Kürzungen organisch einzubauen, wie es Neumann als erster getan hat. Der Leser wird sich in dem Maße, wie er Fragen hat, an die Anmerkungen halten. „Wer Ablenkung nicht liebt und nicht braucht, der lasse sich nicht beirren”, sagt Neumann über seine eignen Anmerkungen.[12]
Quellen-Nachweis
Von den Werken Neumanns ist stets die 2. Auflage bei Piper zitiert, soweit dort eine solche erschienen ist.
MS (Mittlere Sammlung / Majjhima-Nikāya) LS (Längere Sammlung / Dīgha-Nikāya) Sn (Sutta-nipāto) Dhp (Dhammapadam) LMN (Lieder der Mönche und Nonnen / Therāgāthā & Therīgāthā). Ferner: AN (Anguttara-Nikāya) SN (Samyutta-Nikāya) VM (Visuddhi-magga) NBZ (Neu-Buddhistische Zeitschrift)
11) Vorrede zu LS II, S. IX 
12) Vorrede zu LS II, S. XIX 










