Die Lehre des Buddha und K.E.N. (II.)
»Eine Betrachtung zum 90. Geburtstag K. E. Neumanns« 1955
Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
8. Jahrgang 1955, Heft 11/12
Copyright © 1955 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors
Inhalt
- Karl Eugen Neumann:
Sein Leben und sein Einfluß - Die Sache seines Wirkens:
Die Lehre des Buddha - Wesen und Wert des Übersetzens
- Der Verfall der Sprache
- Übersetzung und Anmerkungen
- Bedingtheit jeder Übersetzung
- Einfluß christlicher Mystik
- Einfluß des Idealismus
- Realismus, Idealismus und Seinsverständnis
- Kanon und Kommentare
- Kritik an Neumann
- Die Form der Übersetzung
II. Die Sache seines Wirkens: Die Lehre des Buddha
Eine zureichende Würdigung des Neumannschen Übersetzungswerkes läßt sich jedoch allein vom Verständnis der Lehre her gewinnen.
Der einzige Sinn, den das Wort des Erwachten, sowie jedes Wort eines Menschheitsführers hat, ist der, die Menschen anzusprechen und aufzurütteln und ihnen die Wahrheit zu zeigen. Die Wahrheit verkünden, heißt: In dieser Welt mit ihrem ewigen Auf und Ab von Wohl und Wehe, Lust und Leid, deren Endpunkt doch immer nur Alter und Sterben ist, einen Ausweg aus aller Abhängigkeit und Beschwer zu zeigen. Und so sagte der Erwachte, als er diesen Ausweg gefunden hatte:
So diese Welt wie jene Welt
die hat der Kenner aufgehellt
Naturgebiet, Naturgebot
und Freiheit, Ende aller Not.[5]
Vergänglich ist ja, was erscheint,
nur Werden zum Gewesensein:
Entstanden muß es untergehn;
ist Ruhe, reicht es sälig aus.[6]
Wo immer Wesen sind, da wünschen sie, dem zu entrinnen, was sie als Leid ansehen, aber sie erreichen es nie und so kommt es, daß aus Resignation schon gar nicht mehr nach dem Ausweg gefragt wird. Daß es tatsächlich einen Ausweg aus allem Leid und aller Unzulänglichkeit gibt, hält man für ebenso unwahrscheinlich wie jener Pilger, dem der Buddha auf seinem Weg nach Benares kurz Auskunft gab. „Wenn’s nur wäre”, sagte er, schüttelte das Haupt, schlug einen Seitenweg ein und entfernte sich.[7]
Für diejenigen aber, die nicht schon von vornherein die Worte abweisen, hängt ihr Verständnis davon ab, inwieweit sie erkennen, daß der Erwachte diesen Ausweg zeigt. Wird dieser Ausweg erfaßt, dann wird er auch gegangen, denn alle Wesen streben nach dem Heil, nach Unverletzbarkeit, Sicherheit, nach Leidlosigkeit. Erfassen (Hören) ist bedingt durch Verkünden (Sprechen).
Wenn es keine Wesen mehr gibt, die durch Aufhebung des Wahnes die Wirklichkeit des Seins unmittelbar schauen und kennen, dann gibt es keine unmittelbaren Künder des Weges zur Leidensvernichtung mehr. Gibt es keine unmittelbaren Künder mehr, dann tritt die mittelbare Überlieferung (Scholastik) an deren Stelle. Ihr Nutzen liegt darin, daß sie den Wortlaut dessen, was die Heiligen aus unmittelbarer Erfahrung sagten, unverändert getreulich durch die Zeiten weiterreicht. Solange die Überlieferung durch die Scholastik besteht, besteht die Möglichkeit, daß das Pāli, die Sprache der Reden Buddhas, philologisch und kulturhistorisch von den Wissenschaftlern aufbereitet und durch Wörterbücher, Grammatiken und sprachvergleichende Forschungen dem Abendlande zugänglich gemacht wird.
Dann besteht die weitere Möglichkeit, daß einer im eignen unmittelbaren Ergriffensein unter dem Staub der Jahrtausende wieder den Kern der Wahrheit versteht und den Ausweg aus dem Leiden erkennt. Von dem so gewonnenen Verständnis aus kann er dann das Pāli sachgerecht übersetzen. Erst wenn es eine solche sachgerechte Übersetzung gibt, können auch andere wieder von der Wahrheit ergriffen werden. Erst wenn es wieder von der Wahrheit Ergriffene gibt, gibt es wieder echte Nachfolge. Wo echte Nachfolge ist, wird es Heilige geben. Wo es wieder Heilige gibt, gibt es unmittelbare Kenntnis der Wirklichkeit. Wo es unmittelbare Kenntnis der Wirklichkeit gibt, gibt es wieder Künder der Lehre. Wo es Künder der Lehre gibt, bedarf es keiner Überlieferung und Wissenschaft mehr.
Da es heute wohl keine Heiligen gibt, die die Wirklichkeit unmittelbar durchschaut haben und aus dieser Erfahrung lehren, ist der Abendländer entweder darauf angewiesen, selber das Pāli zu studieren (was immer nur sehr wenige tun werden) oder sich an eine Übersetzung zu halten. Daher ist die Frage nach Wert und Güte einer Übersetzung von entscheidender Wichtigkeit.
Quellen-Nachweis
Von den Werken Neumanns ist stets die 2. Auflage bei Piper zitiert, soweit dort eine solche erschienen ist.
MS (Mittlere Sammlung / Majjhima-Nikāya) LS (Längere Sammlung / Dīgha-Nikāya) Sn (Sutta-nipāto) Dhp (Dhammapadam) LMN (Lieder der Mönche und Nonnen / Therāgāthā & Therīgāthā). Ferner: AN (Anguttara-Nikāya) SN (Samyutta-Nikāya) VM (Visuddhi-magga) NBZ (Neu-Buddhistische Zeitschrift)
5) MS 26 
6) LS 17 
7) MS 26 










