Die Lehre des Buddha und K. E. Neumann
»Eine Betrachtung zum 90. Geburtstag K. E. Neumanns« 1955
Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
8. Jahrgang 1955, Heft 11/12
Copyright © 1955 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors
Inhalt
- Karl Eugen Neumann:
Sein Leben und sein Einfluß - Die Sache seines Wirkens:
Die Lehre des Buddha - Wesen und Wert des Übersetzens
- Der Verfall der Sprache
- Übersetzung und Anmerkungen
- Bedingtheit jeder Übersetzung
- Einfluß christlicher Mystik
- Einfluß des Idealismus
- Realismus, Idealismus und Seinsverständnis
- Kanon und Kommentare
- Kritik an Neumann
- Die Form der Übersetzung
Vorwort
Jede Äußerung über einen anderen ist ein Urteil. Jedes Urteil bezieht eine Stellung. Jede Stellungnahme wägt Lob und Tadel kritisch ab. Alles Loben des einen Menschen oder der einen Sache oder der einen Auffassung ist aber in sich schon ein Tadel anderer Menschen, anderer Sachen und anderer Auffassungen. Da aber — mit Ausnahme eines Heiligen — jeder Mensch Eigendünkel zum Wesen hat, so muß er notwendigerweise Lob lieben und Tadel verabscheuen. Alles Urteilen ist darum insofern mißlich. Und da — mit Ausnahme eines Heiligen — kein Mensch einen anderen voll und ganz zu erkennen vermag, so kann notwendigerweise jedes Lob und jeder Tadel nicht absolut richtig sein. Alles Urteilen ist daher auch insofern mißlich. Darum sagt der Buddha: „Urteilt nicht die Menschen ab” und empfiehlt, ohne Zuraten, ohne Abraten, nur die Wahrheit aufzuzeigen, so wie man sie gehört und verstanden hat.
Auch dabei aber läßt es sich nicht vermeiden, daß — aus den erwähnten Gründen — manche Dinge objektiv wahr und echt aber doch den anderen subjektiv unlieb und unangenehm sein können. Es gibt daher nur die eine Richtschnur: So wahr und klar wie möglich über eine Sache zu reden und anderen so wenig unlieb und unangenehm zu begegnen wie möglich. Das erfordert wiederum, die eignen Lieblingsideen, Vorurteile und Meinungen so weit beiseite zu lassen wie möglich.
Wer Karl Eugen Neumann sehr schätzt, dem wird Kritik an Neumann unangenehm sein; und wer an Neumann viel zu kritisieren hat, dem wird ein Lob Neumanns unangenehm sein. Daher soll mit dieser Arbeit versucht werden, nicht nur zu lobende und zu tadelnde Punkte nacheinander aufzureihen, sondern zu den grundsätzlichen Fragen des Daseins vorzudringen und die Aussage des Erwachten immer wieder heranzuziehen. Es geht hier nicht in erster Linie um die Person des Karl Eugen Neumann, ja nicht einmal vorwiegend um ihn als Übersetzer, sondern es geht hier um Karl Eugen Neumann in seinem innigen und unlöslichen Zusammenhang mit der Lehre selbst.
Hamburg, im Oktober 1955
I. Karl Eugen Neumann: Sein Leben und sein Einfluß
In diesem Jahre, am 18. Oktober, jährt sich zum 40. Male der Todes- und zum 90. Male der Geburtstag Karl Eugen Neumanns, jenes Mannes, der die Reden des Erwachten (Buddha) ins Deutsche übertragen hat. Karl Eugen Neumann wurde fünf Jahre nach dem Tode Schopenhauers in Wien geboren und starb dort ein Jahr nach Beginn des 1. Weltkrieges. Er war der Sohn des Leipziger und später Prager Theaterdirektors Angelo Neumann. Seine Gymnasialzeit unterbrach er durch den Besuch der Leipziger Handelsschule (Neue Sprachen) und eine dreijährige Tätigkeit als Bankangestellter in Berlin. Nach dem Abitur in Prag (1887) studierte er in Berlin und Halle Philosophie und Indologie bei Deussen, Oldenberg, Weber und Pischel[1]. Nach der Promotion in Leipzig (1890) reiste er bald in den Orient. Er führte Gespräche mit buddhistischen Mönchen auf Ceylon, besuchte die Heimat des Buddha am Himalaya und erwarb sich auch an Ort und Stelle eine gründliche Kenntnis des indischen Geistes. Völlig zurückgezogen lebte er später in Wien mit seiner Frau und seiner alten Mutter: ganz seiner großen Aufgabe, der Verdeutschung der Lehrreden des Erwachten hingegeben. Im Laufe der Jahre übersetzte er das Wichtigste des buddhistischen Kanons: die drei Bände der Mittleren Sammlung, die drei Bände der Längeren Sammlung, die Lieder der Mönche und Nonnen, den Wahrheitspfad, die Sammlung der Bruchstücke, sowie wichtige Texte des Anguttara- und Samyutta-Nikāya. In dem Münchener Verleger Reinhard Piper fand er einen Menschen, der, selber von der Lehre stark beeindruckt, die Herausgabe in einer würdigen Form übernahm.
Wirklich bekannt wurde Neumanns Werk aber erst nach seinem Tode, in den Jahren, die auf das Ende des ersten Weltkrieges folgten. Damals herrschte besonders in Deutschland eine ungewöhnliche geistige Aufgeschlossenheit, die sich einerseits in einer rücksichtslosen Desillusionierung der abendländischen Ideen (Oswald Spengler, Ernst Jünger, Martin Heidegger), andererseits in einer großen Offenheit für die Weisheit des Ostens (Graf Hermann Keyserling, Richard Wilhelm, Rudolf Steiner) ausdrückte. Zum ersten Mal und in einem weder vorher noch nachher stattgehabten Umfang nahm die geistige Elite des Abendlandes in diesen Jahren auf Grund der Neumannschen Übersetzung Kenntnis von der Lehre des Erwachten. Es dürfte heute nicht mehr allgemein bekannt sein, daß viele hervorragende Persönlichkeiten des In- und Auslandes das Werk Neumanns mit sehr anerkennenden Worten begrüßten, u. a. Hermann Hesse, Stephan Zweig, Hugo v. Hofmannsthal, Edmund Husserl, Gerhard Hauptmann, Thomas Mann, Alfred Döblin, Leopold Ziegler, Romain Rolland, Maurice Maeterlinck, Houston Stewart Chamberlain und Bernhard Shaw[2]. So schrieb z. B. Hesse:
Keine frühere oder spätere Übersetzung kommt der Neumanns irgend gleich. Der sanfte, feierliche, würdige Tonfall der Reden des Buddho ist in diesen Verdeutschungen wunderbar echt und lebendig geblieben.
Und Gerhard Hauptmann äußerte:
Die Reden Buddhos in Karl Eugen Neumanns Übertragungen sind ein herrliches Werk und für das religiöse Leben Deutschlands von unabsehbarer Bedeutung. Buddhismus, in Form eines bewunderungswürdigen Sprachdenkmals gegenwärtig geworden, ist nun seines Heimatrechts im deutschen Kulturbereich nicht mehr zu entkleiden.
Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie und Lehrer Heideggers, schrieb:
Nachdem ich einmal angefangen, konnte ich davon gar nicht mehr loskommen. Ein herrlicher Schatz! Neumanns Nachgestaltung ist unschätzbar für jeden, der an der ethischen, religiösen und philosophischen Erneuerung unserer Kultur interessiert ist.
Die zweite Auflage der Mittleren Sammlung (5000 Exemplare) war in wenigen Monaten verkauft und es konnte sofort eine dritte Auflage mit 30 000 Exemplaren erscheinen. Von allen buddhistischen Schriften, die in Deutschland veröffentlicht worden sind, haben die Übertragungen Karl Eugen Neumanns die größte Wirkung ausgestrahlt. Das Gesicht des deutschen Buddhismus ist weitgehend von Neumann geprägt worden; schon deshalb, weil er als einziger das Herz des Buddhismus, die Mittlere Sammlung, vollständig übersetzt hat. Noch heute ist in der Literatur und Philosophie einerseits und bei den vielen Einzelmenschen, die durch Neumann an die Lehre kamen, der starke Impuls spürbar, den das deutsche Denken damals von den Worten des Buddha erhalten hat — ebenso wie sich noch heute der starke Impuls auswirkt, den das europäische Geistesleben hundert Jahre früher durch Schopenhauer vom Buddhismus erhalten hatte.
Treffend sagt Indiens Vizepräsident Radhakrishnan:[3]
Durch Neumanns deutsche Übersetzungen buddhistischer Texte wurde der Buddhismus in Deutschland volkstümlich.
Und in den deutschen Buddhistischen Monatsheften schrieb einer der führenden deutschen Buddhisten:
Von den Indologen ragt einer turmhoch heraus, der Wiener Karl Eugen Neumann, der 1915, an seinem Geburtstag, nach einem Schaffen ohnegleichen, seine Tage beschloß. Seine prachtvollen Übersetzungen verdienen, ohne zu übertreiben, die Bibel der Buddhisten genannt zu werden.[4]
Quellen-Nachweis
Von den Werken Neumanns ist stets die 2. Auflage bei Piper zitiert, soweit dort eine solche erschienen ist.
MS (Mittlere Sammlung / Majjhima-Nikāya) LS (Längere Sammlung / Dīgha-Nikāya) Sn (Sutta-nipāto) Dhp (Dhammapadam) LMN (Lieder der Mönche und Nonnen / Therāgāthā & Therīgāthā). Ferner: AN (Anguttara-Nikāya) SN (Samyutta-Nikāya) VM (Visuddhi-magga) NBZ (Neu-Buddhistische Zeitschrift)
1) Vergleiche seinen lateinischen Lebenslauf in seiner Dissertation, S. 33 
2) Die meisten dieser Urteile sind zu finden bei Piper, Vormittag, München 1947, S. 388 
3) Die Gemeinschaft des Geistes, Darmstadt 1953, S. 262 
4) Buddhistische Monatshefte, 1. Jahrg., München 1949, S. 62 unter dem Pseudonym „Kassapo” 










