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Sunday, August 9. 2009

Hellmuth Hecker über „Transzendenz“

 

Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
6. Jahrgang 1953, Heft 4
Copyright © 1953 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors

Transzendenz

Die einen sagen „Es gibt eine Transzendenz”; die anderen sagen „Es gibt keine Transzendenz”. Was ist richtig?

Um die Frage zu beantworten, muß zunächst ein­mal der still­schwei­gend vor­aus­ge­setz­te Gegen­satz von Imma­nenz und Trans­zendenz ge­klärt werden. Imma­nenz kommt von%[la]im-manere% und bedeutet soviel wie „Darin­bleiben”; Trans­zendenz kommt von trans-cendere und be­deutet soviel wie „Darüber­hinaus-reichen”. Erst wo derart ein Inner­halb und ein Außer­halb ab­ge­steckt sind, kann näher ge­fragt werden, ob das Außer­halb vor­her oder nach­her, unter­halb oder ober­halb, da­vor oder da­hinter sein soll.

Es gilt also, die verschiedenen Formen, bei denen ein Inner­halb und Außer­halb an­ge­nom­men wird, näher zu unter­suchen:

  1. Der engste Begriff eines „Innerhalb” ist der jeweilige Be­wußt­seins­moment, den wir Gegen­wart nennen. Ihm gegen­über sind Ver­gangen­heit und Zu­kunft „außerhalb”, d. h. in­so­weit trans­zendent. Wo Zeit­lich­keit ist, da gibt es auch den Ein­druck von Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft. Und da jeder je­weili­ge Da­seins­moment, jedes Weilen in der Kette der Be­dingun­gen, gar nicht anders als zeit­lich struk­tu­riert sein kann, so gibt es stets ein Dar­über­hin­aus­reichen über das „Jetzt”, d. h. Trans­zen­denz. Wo Dasein ist, da ist Trans­zen­denz — in diesem Sinne.
  2. Nennen wir den jeweiligen Be­wußt­seins­moment mit seinen In­halten imma­nent, so wäre das je nicht Be­wußte trans­zen­dent. In diesem Sinne pflegt man von der Trans­zendenz des Unter­be­wußten zu sprechen, vom Un­bewußten, vom Seelen­grund, von Arche­typen und psy­chi­schen Kom­ple­xen, die aus dem Ober­bewuß­tsein ver­drängt seien, aber immer wieder nach Mani­festa­tion dräng­ten. Daran ist zwei­fel­los rich­tig, daß jeder Mensch in sich Kraft­ströme, Ener­gien, Nei­gun­gen, Triebe, Ab­sichten, Be­züge spürt und daß sein Tun in weit­gehend­stem Maße von ihnen be­stimmt wird. Jeder Mensch weiß, daß wenn eine Nei­gung im Moment nicht spür­bar ist, sie doch nicht zu nichts ge­worden ist, sondern in be­stimm­tem Rhyth­mus wieder auf­taucht. Dieser Drang war, wie man sagen kann, „latent”, d. h. er war nicht gegen­wärt­lich in der Imma­nenz an­wesend, aber er war doch poten­tiell vor­handen. Da die man­nig­fachen Er­schei­nungs­formen des Dranges über­all vor­handen sind, immer wieder diese oder jene aktu­ell wird, so gibt es stets ein Dar­über­hin­aus­drän­gen über das „Jetzt”, d. h. Trans­zen­denz. Wo Da­sein ist, da ist Trans­zen­denz — in diesem Sinne.
  3. Am häufigsten wird der Begriff Immanenz für die Gesamt­heit des mensch­lichen Lebens zwischen Ge­burt und Tod ver­wendet. Das „Inner­halb” ist die Zeit der Exi­stenz des Körpers, d. h. die Zeit der fünf­fach sin­nen­haften Wahr­nehmung von „Welt”. von Die Materia­listen sagen nun: Mit dem Tode des Körpers ist das Da­sein ver­nichtet; es gibt kein Jen­seits, es gibt keine Trans­zen­denz; Da­sein be­ginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode des Körpers, ein anderes Dasein gibt es nicht. — Dem­gegen­über wäre zu er­widern: Dies wäre nur richtig, wenn Da­sein und je­weilige Körper­exi­stenz iden­tisch wären und wenn der Körper die ein­zige Be­din­gung für Da­sein (Leben, Wahr­nehmen, Sein) wäre. Aber: Diese An­sicht hat die psy­chi­schen Kräfte, das Ge­neige und Ge­dränge des Wollens und Wün­schens, nicht auf der Rech­nung — und nur des­halb geht die Rech­nung Körper minus Körper gleich Null mit dem Ende des Da­seins auf. Diese Kräfte nun sind ein wesent­licher Be­stand­teil des Da­seins und sie unter­liegen ihrem eige­nen Gesetz. Sie sind als etwas A-materi­elles durch materi­elle Ver­änderun­gen nicht be­ein­fluß­bar. Sie sind als „geistig” be­stehen­de ener­geti­sche Be­züge nur durch gei­stige Akte, durch Denken ver­änder­bar. Wird ihnen nach­ge­geben, so werden sie be­jaht und be­stätigt, d. h. für die Zukunft ins Da­sein ge­hoben. Oder ab­strak­ter aus­ge­drückt: Dort, wo die Be­züge des Wol­lens und Wün­schens weiter ge­knüpft werden, wird für die Zu­kunft ein weite­res Be­zugs­feld ge­knüpft, d. h. es wird durch An­hangen an dieses Da­sein ein weite­res an­ge­hängt. Über­wiegend be­ziehen sich alle Bezüge auf ein körper­lich sin­nen­haf­tes Da­sein. Wo diese Be­züge sind, da er­scheint als ihr Werk­zeug das, was wir Körper nen­nen; und wo ein Körper ist, da exi­stie­ren jene Be­züge. Eines bedingt das andere. Solange diese Bezüge sind, ist ein ent­sprechen­des Da­sein. Und da diese Bezüge durch den Tod nicht ver­ändert werden, so gibt es, so­lange sie be­stehen, immer ein Dar­über­hin­aus­reichen über das „Jetzt und Hier”, d. h. Trans­zen­denz. Wo Da­sein ist, da ist (so­lange Be­züge be­stehen) Trans­zen­denz — in diesem Sinne.
  4. Blickt man statt horizontal einmal verti­kal auf das mensch­liche Da­sein, dann fragt sich, ob es die ein­zige Imma­nenz sei oder ob es auch andere, außer­mensch­liche, Da­seins­be­reiche (wie Höl­len und Him­mel, Ge­spen­ster und Göt­ter) gäbe, die dann gegen­über dem Men­schen­tum trans­zen­dent wären. Aber was heißt „es gibt”? Es gibt immer nur das, was ge­geben wird. Das einzige Ele­ment des Da­seins, das [es] geben kann, sind jene Neigun­gen, Be­züge, Wollens­rich­tun­gen. Die Art und Quali­tät dieser Kräfte — beim Men­schen ein Ge­misch von irdi­schen und gei­stigen — gibt die Art des Da­seins an, kon­sti­tu­iert die je­weili­ge Da­seins­quali­tät. So läßt sich schlie­ßen: Wo nur noch feine und reine Eigen­schaf­ten sind, dort ist das men­schli­che Da­sein zu nied­rig und wo nur noch ge­meine und bru­tale Eigen­schaf­ten sind, dort ist das mensch­liche Da­sein zu hoch. Das be­deutet: Ent­spre­chend der Quali­tät der Kräfte wird ein künf­ti­ges Da­sein hel­ler oder dunk­ler unter- oder über­mensch­lich sein. Die Kräfte reali­sieren sich als Hin­gabe, sie geben sich für die Zukunft einen solchen Be­reich, wie es ihnen ent­spricht. Ab­strak­ter aus­ge­drückt: Die Art der Be­züge be­stimmt das Be­zugs­feld der Er­scheinun­gen, auf die der Be­zug es ab­sieht. Und da mensch­liche Be­züge immer auch niede­re oder höhe­re mit sich führen, so gibt es stets ein Dar­über­hin­aus­reichen über das „Jetzt und Hier”, d. h. Trans­zen­denz. Wo Da­sein ist, da ist (so­lange unter­schied­liche Be­züge be­ste­hen) Trans­zen­denz — in diesem Sinne.
  5. Verquickt man die Begriffe Imma­nenz und Trans­zen­denz mit den Merk­malen Ver­gäng­lich­keit und Ewig­keit, dann können An­sichten ent­ste­hen, wonach es eine solche Art von außer­mensch­lichem (trans­zen­den­tem) Da­sein gäbe, die essen­tiell von allem ande­ren Da­sein da­durch unter­schie­den wäre, daß sie un­ver­gäng­lich, ewig, sei. Nur diese Trans­zen­denz meint man sehr oft, wenn man sagt „Es gibt eine Trans­zen­denz”. Aber gerade eine solche Trans­zen­denz kann es nicht geben. Ein sol­ches Da­sein müßte nach dem Ab­lauf des jetzi­gen Körper­da­seins be­gin­nen, hätte also einen An­fang. „Was einen Anfang hat, ist zeit­lich. Wo aber Zeit­lich­keit ist, dort ist Ver­änder­lich­keit, d. h. kein Gleich­bleiben, d. h. End­lich­keit, d. h. ein Ende dieser Form. Jenes ”ewig” ge­nann­te Da­sein mag, rela­tiv zum mensch­li­chen, sehr lange dauern — Äonen —, aber ein­mal muß es wieder en­den, da durch das Wirken im gegen­wärti­gen Da­sein das künf­tige Da­sein auch in seiner Dauer be­stimmt wird. Aus zeit­li­chem Wirken kann keine ewige Wirkung her­vor­gehen. Ebenso wie es im Wesen des Sandes liegt, daß ein Haus aus Sand bald wieder zer­fal­len muß, so liegt es im Wesen der Be­züge, daß ein Be­zugs­feld ein­mal wieder zer­fal­len muß. Und da Da­sein immer nur aus Be­zügen ge­baut wird, so muß jedes Da­sein wieder zer­fal­len, d. h. es gibt kein Da­sein außer­halb der Zeit­lich­keit und Ver­gäng­lich­keit, d. h. keine Trans­zen­denz. Wo Da­sein ist, da ist Trans­zen­denz un­mög­lich — in diesem Sinne.
  6. Will man dagegen unter Trans­zen­denz ver­stehen, daß es eine Auf­hebung aller Be­züge und da­mit allen Da­seins und aller Zeit und aller Ver­gäng­lich­keit gibt, dann mag man dies „Jen­seits aller Be­züge” trans­zen­dent nen­nen — man muß sich nur dar­über im Klaren sein, daß jede posi­tiv be­zeich­nen­de Be­zeich­nung mit „es gibt” und „es be­steht” irre­führend ist, denn: Wo kein Be­zug, da keine Zeit und kein Sein — und wo kein Sein und keine Zeit, da ist jedes Wort für dieses „Nicht mehr” falsch:
    Wo alle Dinge allgemach entschwunden,
    ist allgemach entwurzelt auch die Macht der Worte.

    Diese „Transzendenz”, die eigent­lich keine ist, weil sie so­wohl ihr Gegen­teil wie über­haupt alle Be­grif­fe auf­hebt, ist nur durch Auf­hebung aller Be­züge zu er­reichen. Alle Be­züge werden nur auf­ge­hoben, wenn sie sämt­lich als nega­tiv er­kannt werden. Dazu ist eine Ana­lyse des ge­samten Da­seins not­wendig. Außer­dem wäre der Weg an­zu­geben, wie denn jenes Nega­ti­vum zu über­winden sei. Wo Be­züge sind, ist, wenig­stens theore­tisch, auch eine Ab­strak­tion von allen Be­zügen als Denk­opera­tion mög­lich, d. h. wo Da­sein ist, ist Trans­zen­denz möglich — in diesem Sinne.
  7. Es bleibt ein Rest, zu tragen pein­lich. Eine letzte Art von Trans­zen­denz wird ge­wöhn­lich der­ge­stalt an­ge­nomm­en, daß es „hinter” Wahr­neh­mung, Vor­stel­lung, Be­wußt­sein, Unter­schei­dung, Er­leben — oder wie man sonst den Vor­gang des Seins in seiner Je­weilig­keit nen­nen mag — eine Welt von real, objektiv, materi­ell, an sich be­stehen­den Formen und Dingen gäbe. Dieser trans­zen­dente Hinter­ge­danke nimmt ein Etwas an, das un­ab­hängig — an sich und für sich — be­steht. Auf diesem Ge­danken baut die mar­xi­sti­sche Philo­sophie eben­so auf wie das prak­tische Ver­halten derer, die jene Philo­sophie be­kämpfen wollen. Die An­nahme einer solchen Trans­zen­denz ist der Haupt- und Grund­fehler des abend­ländi­schen Den­kens. Man ver­gißt da­bei eben fol­gen­des: Mensch­lich ge­sehen be­deutet Sein immer eine Drei­faltig­keit von dem, was wir Körper, Welt, Be­wußt­sein nen­nen kön­nen. Körper: Das ist der Sammel­name für den Be­zugs­punkt der 5 Sinne, die auf Festem, Flüs­si­gem, Feuri­gem, Lufti­gem basie­ren. Welt: Das ist das ein­ge­paßte Gegen­über dazu, die Ent­spre­chung, die Räum­lich­keit von anderem Festem, Flüs­si­gem, Feuri­gem, Lufti­gem. Be­wußt­sein: Das ist das Wahr­nehmen jener vier äußeren und inne­ren Ge­bilde durch die Sinne. Keines dieser drei Dinge ist ohne das ande­re, keines be­steht „an sich”. Jedes steht und fällt mit­ein­ander. Wo „Körper”, da „Welt” und „Be­wußt­sein”. Wo „Welt”, da „Körper” und „Be­wußt­sein”. Wo „Be­wußt­sein”, da „Körper” und „Welt”. Eine „Welt an sich” ist ein Un­ding. Nur das Denken, das man als 6. Sinn de­fi­nie­ren mag, kann sich ein Denk­ding er­denken, von dem man dann — nach­dem man es zu­erst ge­dacht hat — sagt, es be­stünde auch ohne Denken, es be­stehe als „Idee” an sich. Wo Da­sein ist, da ist Trans­zen­denz un­möglich — in diesem Sinne.

Kurz: Es gibt Trans­zen­denz, wenn man an Zeit­lich­keit, Unter­be­wuß­tes, Jen­seits nach dem Tode, Jen­seits außer­halb des Men­schen­tums, Jen­seits aller Be­züge denkt. Und es gibt keine Trans­zen­denz, wenn man an etwas Ewiges oder An-sich-Be­stehen­des denkt. Ge­rade das, was man ge­wöhn­lich unter Trans­zen­denz ver­steht, gibt es nicht. Und ge­rade das, was man ge­wöhn­lich als Nicht­be­stehend an­sieht, be­steht trans­zen­dent.

So zeigt sich am Begriff der Trans­zen­denz deut­lich, wie not­wendig es ist, einen Begriff erst gründ­lich zu klären, ehe man dar­über dis­ku­tiert, ob es „Trans­zen­denz gibt”. Schon Kon­futse sagte: „Alles Un­heil in der Welt kommt daher, weil die Be­grif­fe un­klar sind”.

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