Hellmuth Hecker über „Transzendenz“
Erschienen in:
DIE EINSICHT,
Vierteljahreshefte für Buddhismus,
6. Jahrgang 1953, Heft 4
Copyright © 1953 by
Dr. Hellmuth Hecker
mit freundlicher Genehmigung des Autors
Die einen sagen „Es gibt eine Transzendenz”; die anderen sagen „Es gibt keine Transzendenz”. Was ist richtig?
Um die Frage zu beantworten, muß zunächst einmal der stillschweigend vorausgesetzte Gegensatz von Immanenz und Transzendenz geklärt werden. Immanenz kommt von%[la]im-manere% und bedeutet soviel wie „Darinbleiben”; Transzendenz kommt von trans-cendere und bedeutet soviel wie „Darüberhinaus-reichen”. Erst wo derart ein Innerhalb und ein Außerhalb abgesteckt sind, kann näher gefragt werden, ob das Außerhalb vorher oder nachher, unterhalb oder oberhalb, davor oder dahinter sein soll.
Es gilt also, die verschiedenen Formen, bei denen ein Innerhalb und Außerhalb angenommen wird, näher zu untersuchen:
- Der engste Begriff eines „Innerhalb” ist der jeweilige Bewußtseinsmoment, den wir Gegenwart nennen. Ihm gegenüber sind Vergangenheit und Zukunft „außerhalb”, d. h. insoweit transzendent. Wo Zeitlichkeit ist, da gibt es auch den Eindruck von Vergangenheit und Zukunft. Und da jeder jeweilige Daseinsmoment, jedes Weilen in der Kette der Bedingungen, gar nicht anders als zeitlich strukturiert sein kann, so gibt es stets ein Darüberhinausreichen über das „Jetzt”, d. h. Transzendenz. Wo Dasein ist, da ist Transzendenz — in diesem Sinne.
- Nennen wir den jeweiligen Bewußtseinsmoment mit seinen Inhalten immanent, so wäre das je nicht Bewußte transzendent. In diesem Sinne pflegt man von der Transzendenz des Unterbewußten zu sprechen, vom Unbewußten, vom Seelengrund, von Archetypen und psychischen Komplexen, die aus dem Oberbewußtsein verdrängt seien, aber immer wieder nach Manifestation drängten. Daran ist zweifellos richtig, daß jeder Mensch in sich Kraftströme, Energien, Neigungen, Triebe, Absichten, Bezüge spürt und daß sein Tun in weitgehendstem Maße von ihnen bestimmt wird. Jeder Mensch weiß, daß wenn eine Neigung im Moment nicht spürbar ist, sie doch nicht zu nichts geworden ist, sondern in bestimmtem Rhythmus wieder auftaucht. Dieser Drang war, wie man sagen kann, „latent”, d. h. er war nicht gegenwärtlich in der Immanenz anwesend, aber er war doch potentiell vorhanden. Da die mannigfachen Erscheinungsformen des Dranges überall vorhanden sind, immer wieder diese oder jene aktuell wird, so gibt es stets ein Darüberhinausdrängen über das „Jetzt”, d. h. Transzendenz. Wo Dasein ist, da ist Transzendenz — in diesem Sinne.
- Am häufigsten wird der Begriff Immanenz für die Gesamtheit des menschlichen Lebens zwischen Geburt und Tod verwendet. Das „Innerhalb” ist die Zeit der Existenz des Körpers, d. h. die Zeit der fünffach sinnenhaften Wahrnehmung von „Welt”. von Die Materialisten sagen nun: Mit dem Tode des Körpers ist das Dasein vernichtet; es gibt kein Jenseits, es gibt keine Transzendenz; Dasein beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tode des Körpers, ein anderes Dasein gibt es nicht. — Demgegenüber wäre zu erwidern: Dies wäre nur richtig, wenn Dasein und jeweilige Körperexistenz identisch wären und wenn der Körper die einzige Bedingung für Dasein (Leben, Wahrnehmen, Sein) wäre. Aber: Diese Ansicht hat die psychischen Kräfte, das Geneige und Gedränge des Wollens und Wünschens, nicht auf der Rechnung — und nur deshalb geht die Rechnung Körper minus Körper gleich Null mit dem Ende des Daseins auf. Diese Kräfte nun sind ein wesentlicher Bestandteil des Daseins und sie unterliegen ihrem eigenen Gesetz. Sie sind als etwas A-materielles durch materielle Veränderungen nicht beeinflußbar. Sie sind als „geistig” bestehende energetische Bezüge nur durch geistige Akte, durch Denken veränderbar. Wird ihnen nachgegeben, so werden sie bejaht und bestätigt, d. h. für die Zukunft ins Dasein gehoben. Oder abstrakter ausgedrückt: Dort, wo die Bezüge des Wollens und Wünschens weiter geknüpft werden, wird für die Zukunft ein weiteres Bezugsfeld geknüpft, d. h. es wird durch Anhangen an dieses Dasein ein weiteres angehängt. Überwiegend beziehen sich alle Bezüge auf ein körperlich sinnenhaftes Dasein. Wo diese Bezüge sind, da erscheint als ihr Werkzeug das, was wir Körper nennen; und wo ein Körper ist, da existieren jene Bezüge. Eines bedingt das andere. Solange diese Bezüge sind, ist ein entsprechendes Dasein. Und da diese Bezüge durch den Tod nicht verändert werden, so gibt es, solange sie bestehen, immer ein Darüberhinausreichen über das „Jetzt und Hier”, d. h. Transzendenz. Wo Dasein ist, da ist (solange Bezüge bestehen) Transzendenz — in diesem Sinne.
- Blickt man statt horizontal einmal vertikal auf das menschliche Dasein, dann fragt sich, ob es die einzige Immanenz sei oder ob es auch andere, außermenschliche, Daseinsbereiche (wie Höllen und Himmel, Gespenster und Götter) gäbe, die dann gegenüber dem Menschentum transzendent wären. Aber was heißt „es gibt”? Es gibt immer nur das, was gegeben wird. Das einzige Element des Daseins, das [es] geben kann, sind jene Neigungen, Bezüge, Wollensrichtungen. Die Art und Qualität dieser Kräfte — beim Menschen ein Gemisch von irdischen und geistigen — gibt die Art des Daseins an, konstituiert die jeweilige Daseinsqualität. So läßt sich schließen: Wo nur noch feine und reine Eigenschaften sind, dort ist das menschliche Dasein zu niedrig und wo nur noch gemeine und brutale Eigenschaften sind, dort ist das menschliche Dasein zu hoch. Das bedeutet: Entsprechend der Qualität der Kräfte wird ein künftiges Dasein heller oder dunkler unter- oder übermenschlich sein. Die Kräfte realisieren sich als Hingabe, sie geben sich für die Zukunft einen solchen Bereich, wie es ihnen entspricht. Abstrakter ausgedrückt: Die Art der Bezüge bestimmt das Bezugsfeld der Erscheinungen, auf die der Bezug es absieht. Und da menschliche Bezüge immer auch niedere oder höhere mit sich führen, so gibt es stets ein Darüberhinausreichen über das „Jetzt und Hier”, d. h. Transzendenz. Wo Dasein ist, da ist (solange unterschiedliche Bezüge bestehen) Transzendenz — in diesem Sinne.
- Verquickt man die Begriffe Immanenz und Transzendenz mit den Merkmalen Vergänglichkeit und Ewigkeit, dann können Ansichten entstehen, wonach es eine solche Art von außermenschlichem (transzendentem) Dasein gäbe, die essentiell von allem anderen Dasein dadurch unterschieden wäre, daß sie unvergänglich, ewig, sei. Nur diese Transzendenz meint man sehr oft, wenn man sagt „Es gibt eine Transzendenz”. Aber gerade eine solche Transzendenz kann es nicht geben. Ein solches Dasein müßte nach dem Ablauf des jetzigen Körperdaseins beginnen, hätte also einen Anfang. „Was einen Anfang hat, ist zeitlich. Wo aber Zeitlichkeit ist, dort ist Veränderlichkeit, d. h. kein Gleichbleiben, d. h. Endlichkeit, d. h. ein Ende dieser Form. Jenes ”ewig” genannte Dasein mag, relativ zum menschlichen, sehr lange dauern — Äonen —, aber einmal muß es wieder enden, da durch das Wirken im gegenwärtigen Dasein das künftige Dasein auch in seiner Dauer bestimmt wird. Aus zeitlichem Wirken kann keine ewige Wirkung hervorgehen. Ebenso wie es im Wesen des Sandes liegt, daß ein Haus aus Sand bald wieder zerfallen muß, so liegt es im Wesen der Bezüge, daß ein Bezugsfeld einmal wieder zerfallen muß. Und da Dasein immer nur aus Bezügen gebaut wird, so muß jedes Dasein wieder zerfallen, d. h. es gibt kein Dasein außerhalb der Zeitlichkeit und Vergänglichkeit, d. h. keine Transzendenz. Wo Dasein ist, da ist Transzendenz unmöglich — in diesem Sinne.
- Will man dagegen unter Transzendenz verstehen, daß es eine Aufhebung aller Bezüge und damit allen Daseins und aller Zeit und aller Vergänglichkeit gibt, dann mag man dies „Jenseits aller Bezüge” transzendent nennen — man muß sich nur darüber im Klaren sein, daß jede positiv bezeichnende Bezeichnung mit „es gibt” und „es besteht” irreführend ist, denn: Wo kein Bezug, da keine Zeit und kein Sein — und wo kein Sein und keine Zeit, da ist jedes Wort für dieses „Nicht mehr” falsch:
Wo alle Dinge allgemach entschwunden,
ist allgemach entwurzelt auch die Macht der Worte.
Diese „Transzendenz”, die eigentlich keine ist, weil sie sowohl ihr Gegenteil wie überhaupt alle Begriffe aufhebt, ist nur durch Aufhebung aller Bezüge zu erreichen. Alle Bezüge werden nur aufgehoben, wenn sie sämtlich als negativ erkannt werden. Dazu ist eine Analyse des gesamten Daseins notwendig. Außerdem wäre der Weg anzugeben, wie denn jenes Negativum zu überwinden sei. Wo Bezüge sind, ist, wenigstens theoretisch, auch eine Abstraktion von allen Bezügen als Denkoperation möglich, d. h. wo Dasein ist, ist Transzendenz möglich — in diesem Sinne. - Es bleibt ein Rest, zu tragen peinlich. Eine letzte Art von Transzendenz wird gewöhnlich dergestalt angenommen, daß es „hinter” Wahrnehmung, Vorstellung, Bewußtsein, Unterscheidung, Erleben — oder wie man sonst den Vorgang des Seins in seiner Jeweiligkeit nennen mag — eine Welt von real, objektiv, materiell, an sich bestehenden Formen und Dingen gäbe. Dieser transzendente Hintergedanke nimmt ein Etwas an, das unabhängig — an sich und für sich — besteht. Auf diesem Gedanken baut die marxistische Philosophie ebenso auf wie das praktische Verhalten derer, die jene Philosophie bekämpfen wollen. Die Annahme einer solchen Transzendenz ist der Haupt- und Grundfehler des abendländischen Denkens. Man vergißt dabei eben folgendes: Menschlich gesehen bedeutet Sein immer eine Dreifaltigkeit von dem, was wir Körper, Welt, Bewußtsein nennen können. Körper: Das ist der Sammelname für den Bezugspunkt der 5 Sinne, die auf Festem, Flüssigem, Feurigem, Luftigem basieren. Welt: Das ist das eingepaßte Gegenüber dazu, die Entsprechung, die Räumlichkeit von anderem Festem, Flüssigem, Feurigem, Luftigem. Bewußtsein: Das ist das Wahrnehmen jener vier äußeren und inneren Gebilde durch die Sinne. Keines dieser drei Dinge ist ohne das andere, keines besteht „an sich”. Jedes steht und fällt miteinander. Wo „Körper”, da „Welt” und „Bewußtsein”. Wo „Welt”, da „Körper” und „Bewußtsein”. Wo „Bewußtsein”, da „Körper” und „Welt”. Eine „Welt an sich” ist ein Unding. Nur das Denken, das man als 6. Sinn definieren mag, kann sich ein Denkding erdenken, von dem man dann — nachdem man es zuerst gedacht hat — sagt, es bestünde auch ohne Denken, es bestehe als „Idee” an sich. Wo Dasein ist, da ist Transzendenz unmöglich — in diesem Sinne.
Kurz: Es gibt Transzendenz, wenn man an Zeitlichkeit, Unterbewußtes, Jenseits nach dem Tode, Jenseits außerhalb des Menschentums, Jenseits aller Bezüge denkt. Und es gibt keine Transzendenz, wenn man an etwas Ewiges oder An-sich-Bestehendes denkt. Gerade das, was man gewöhnlich unter Transzendenz versteht, gibt es nicht. Und gerade das, was man gewöhnlich als Nichtbestehend ansieht, besteht transzendent.
So zeigt sich am Begriff der Transzendenz deutlich, wie notwendig es ist, einen Begriff erst gründlich zu klären, ehe man darüber diskutiert, ob es „Transzendenz gibt”. Schon Konfutse sagte: „Alles Unheil in der Welt kommt daher, weil die Begriffe unklar sind”.









